Als eingängiges Bild für Massenüberwachung ist das Panopticon schwer zu überbieten: Im Zentrum sitzt der Aufseher, versteckt hinter einem ausgeklügelten Sichtschutz und kann in jede Richtung schauen. In der Peripherie sind Häftlinge auf verschiedenen Etagen in Zellen gesperrt. Von hinten fällt Licht in die Zellen und lässt den Überwacher im Zentrum gut sehen, wer was tut. Im Vergleich der voneinander isolierten Häftlinge ist schnell festgestellt, was die Norm ist und wer sich daneben benimmt. Häftlinge verändern ihr Verhalten, auch wenn der Aufseher gerade eine Pause macht. Denn sie wissen nicht, ob sie gerade nicht doch überwacht werden.
Das Buch von Michel Foucault, das diese These über die Funktionsweise moderner Überwachung enthält, erschien 1975. 2015 fand in Wien eine Tagung mit dem Titel Die Machtanalyse nach Foucault: 40 Jahre Überwachen und Strafen statt, deren Beiträge gerade in einem Sammelband erschienen sind. Das Theorie-Kollektiv diffrakt lud die darin vertretene Philosophin Petra Gehring sowie die beiden Herausgeber Roberto Nigro und Marc Rölli zu einer Diskussion in die ehemaligen Räume des Merve-Verlags in Berlin ein.
Überwachung hat nicht nur mit Blicken zu tun
Petra Gehring merkte an, dass Michel Foucault nicht seine Gegenwart erforscht habe, sondern vielmehr mit historischem Material arbeitete. So auch in Überwachen und Strafen, dem Archive von Krankenhäusern, Schulen, Militäreinrichtungen und Gerichten zugrunde liegen. Die Philosophin kritisierte deshalb eine vorschnelle Anwendung der Panoptismus-These auf zeitgenössische, digitale Überwachungstechniken. Das Panopticon verkörpere ein idealtypisches Überwachungsprinzip des 19. Jahrhunderts. Es ohne Modifizierung in die Gegenwart zu übertragen, bedeute einen „Kurzschluss“:
Dass man sich das Internet mit Bezug auf das Panopticon vorstellt wie eine Ansammlung von Millionen von verknüpften Kameras, ist ein grundlegendes Missverständnis. Dass das Internet eine Art Augenphänomen sei, halte ich für falsch. Das Internet ist eine gewaltige Aufzeichnungsanlage von Prozesspuren.
Disziplinierung und Kontrolle stehen nicht im Widerspruch
Roberto Nigro stellte die modernen Disziplinen und Disziplinierungsprozesse in den Vordergrund. 1990 hatte Gilles Deleuze direkt an Überwachen und Strafen angeschlossen und im Zusammenhang mit dem Aufstieg von „Informationsmaschinen“ Kontrollgesellschaften behauptet. Dieser, nach der absolutistischen, vormodernen Souveränitäts- und der rational organisierten Disziplinargesellschaft, dritte Gesellschaftstyp, sei missverstanden worden.

Es gäbe zwar einen Aufstieg von Technologien der Kontrolle und Sicherheit, diese würden aber Disziplinarmächte nicht ablösen, sondern zusammen mit ihnen operieren, sie sich aneignen. Überwachen und Strafen zeichnet nach, wie das Gefängnis und andere Disziplinarinstitutionen erzieherisch arbeiten und Menschen zu produktiven Subjekten formen. Die Disziplinierung sei damit eine Bedingung des Kapitalismus und setze sich heute, beispielsweise auf Online-Plattformen, fort. Auch post-industrielle und immaterielle Wertschöpfung basiere auf dem „Fesseln der Arbeiter an die Produktionsapparate.“
Über Menschen sprechen
Marc Rölli wies auf die Entstehung von Strategien der Disziplinierung hin. Neben der Steigerung von Produktivität wurde Disziplinierung auch durch „anthropologische Diskurse“ – also das explizite Sprechen über und das Erforschen des Menschen – gerechtfertigt. Das disziplinierende Strafen zielt auf die „Besserung der Menschen“, nicht auf ihre Vernichtung.
Im Verlauf der Diskussion wurde mehrfach deutlich, dass das dieses Sprechen über Menschlichkeit und Menschen eine subtile Ausübung von Macht bedeutet, da es über die Norm entscheidet. Wer dem normalen Bild nicht entspricht, wird zu einer devianten Figur: ein „Arbeitsverweigerer“, „Verrückter“, „Deserteur“ oder „Schulversager“.
Überwachen und Strafen lässt sich in vielen Aspekten weiterdenken
Den „ganz normalen“ oder „smarten“ NutzerInnen, die IT-Unternehmen und Regierungen sich vorstellen, stehen heute vielleicht Whistleblower, Hacker, Anonyme und Offliner gegenüber. Nach dem Ausbau der

Videoüberwachung seit den 1990er Jahren hat sich spätestens in den letzten zehn Jahren eine schlagkräftige kommerzielle Überwachungsindustrie ausgebildet, die Wege gefunden hat, Prozesspuren zu monetarisieren. Petra Gehring merkte an, dass neben dem Disziplinieren weiterhin das Töten als Strafe angewendet wird – 55 Staaten führen heute die Todesstrafe aus und außergerichtliche Tötungen durch Drohnenanschläge werden zunehmend normalisiert.
Marc Rölli wies daraufhin, dass heute vielleicht Flughäfen, nicht Gefängnisse, idealtypische Modelle der Überwachung hergeben würden, wenn sie ähnlich analysiert würden. An diesen gibt es allerdings zunehmend auch Gefängnisse. Doch die Analyse des panoptischen Gefängnisses entwickelt vor dem Hintergrund der Kritik an einem rein visuellen Verständnis davon einen neuen Reiz: Sie veranschaulicht die (informations-) architektonische Asymmetrie zwischen Überwachten und Überwachern sowie die Auswirkungen, die allein diese Architektur auf das Verhalten von Menschen hat – bekannt als „chilling effects“ oder auch panoptische Effekte.
Die Tiefenschärfe der Diskussion und die vielen Literaturverweise an diesem Abend zeigen, dass Michel Foucault selbst zu einer Macht geworden ist. Ob er die Aktualisierungen seiner Analysen gut heißen würde, ob er auf dem historischen Kontext seiner Analysen bestehen würde oder sein Engagement in den Anti-Gefängnis-Protesten der 1970’ Jahre als Beweggrund für die Studien zu den Disziplinierungsprozessen der Moderne in den Vordergrund stellen würde, können wir nicht wissen. Dass über diese Fragen gelesen, gestritten und geschrieben wird, zeigt aber, dass er als direkter Gesprächspartner wahrgenommen wird – eine Auszeichnung, die nicht viele WissenschaftlerInnen erhalten.
Der Text bezieht sich auf die Buchvorstellung und Diskussion am 25. November 2017.
